Hinter den Kulissen der Semaine de la Critique

Charles Tesson war zunächst Mitglied der Auswahljury der 49. und 50. Ausgabe der Semaine de la Critique, 2011 wird er zum Vorsitzenden ernannt. Der Filmkritiker und Kinohistoriker hat uns heute morgen einen Besuch abgestattet, um die Geheimnisse seines Berufs zu enthüllen… und hat uns Glückspilzen auch noch ein paar Fragen beantwortet:

Wie entstand die Semaine de la Critique, die Nebensektion des Filmfestival in Cannes?

Eine Sache, die man nicht unbedingt weiß, ist, dass die Filmfestspiele von Cannes, also der offizielle Wettbewerb mit der Goldenen Palme, Filme ursprünglich nicht auf die gleiche Art und Weise auswählte wie es heute getan wird. Das Prinzip war damals, seit den Anfängen im Jahr 1946, ähnlich dem des Eurovision Song Contest: Pro Land wurde eine Expertenkommission zusammengestellt, die darüber entschied, welcher Film ihre jeweilige Nation vertreten sollte. Aber in Cannes war man so clever, auch junge Filmemacher unter 30 mit ihren Erstlingswerken ins Boot zu holen. Die sind später unter dem Namen « Nouvelle Vague » in die Kinogeschichte eingegangen: « Sie küssten und sie schlugen ihn » von François Truffaut, « Außer Atem » von Jean-Luc Godard etc. Unter diesen jungen Regisseuren waren nicht nur Franzosen, sondern auch Italiener, Polen und Japaner. Weltweit gab es einen Boom, immer mehr junge Talente wagten sich auf Kinoterrain hervor. Der damalige Präsident der Filmfestspiele in Cannes hatte genügend Weitsicht, um ihnen schließlich auch eine eigene Sektion zu widmen, die ausschließlich Erstlingswerke kürte. Die Semaine de la Critique war also die erste Sektion in Cannes, die Werke wirklich auswählte. Auch der offizielle Wettbewerb schloss sich diesem System im Jahr 1972 an.

Eine andere Besonderheit der Semaine de la Critique ist, dass aktive Filmkritiker die Filme im April und Mai anschauen, also während der Zeit der Filmfestspiele, um dann ihre Auswahl zu treffen. Eine spezielle Berufsgruppe erblickte so das Licht der Welt: die des Programmplaners. Dabei handelt es sich um kinobegeisterte Experten, deren Aufgabe es ist, Filme zu sichten und eine Auswahl zusammenzustellen.

Wie kann man sich den Beruf eines Filmkritikers vorstellen?

Von Kritikern wird erwartet, in kurzer Zeit zu vermitteln, was ein Film darstellen möchte und warum er für uns sehenswert ist. Das erfordert die Fähigkeiten zur Analyse und zur Bewertung. Kritiker müssen bewerten, was der Film für das heutige Kino mit sich bringt und das, was er aussagt.

Im Gegensatz zur Kritik von wöchentlich neu erscheinenden Kinofilmen muss man auf einem Festival Streifen beurteilen, die die Leser noch nicht sehen konnten. So stellt sich die Frage: Wie schreibt man eine Kritik für jemanden, der den Film nicht gesehen hat? Manchmal schreibt man für die Regisseure, weil man davon träumt, dass der Filmemacher den Text liest und sagt: „Das ist großartig!“, oder man schreibt die Texte für sich selbst. Es ist so eine Art literarisches Essay, das Anlass zur Reflexion über das Kino gibt.

Es ist mir bereits passiert, dass ich einen Film während eines Festivals gesehen und mich direkt in ihn verliebt habe und trotzdem keine Kritik schreiben wollte, weil die Öffentlichkeit ihn noch nicht sehen konnte. In diesem Fall muss eine Kritik dem Leser Lust machen, sich den Film anzusehen. Der Text schafft so einen Zugang zum Film.

Was macht eine gute Kritik aus?

Man kann Filmkritiken schreiben, die sich mit dem Film als Ganzes auseinandersetzen oder aber solche, die sich mit der Regiearbeit befassen und beispielsweise hinterfragen, warum die Inszenierung  der Höhepunkt des Films ist.  Aber eine Kritik sollte keine allgemeine Aussage zum Film sein, sondern sich vielmehr auf Details beziehen und diese analysieren. Darüber hinaus ist es wichtig, einen Eindruck davon zu bekommen, welche Bedeutung der Film für das heutige Kino hat, und wie er auf einen selbst gewirkt hat. Ein gängiger Fehler ist eine zu subjektive Bewertung, die einen zu starken persönlichen Einfluss hat. Einige Kritiker reagieren schon mal aggressiv auf einen Film. Ich denke es ist notwendig, seine eigene Abneigung nicht zu sehr durchscheinen zu lassen. Auch eine negative Kritik muss konstruktiv sein. Deshalb muss sie das „Wie“ und das „Warum“ klarstellen. Das ist nicht nur für einen selbst, sondern auch für den Filmemacher nützlich. Außerdem ist es wichtig, auf sein Gefühl zu vertrauen. Aber es ist nicht nur die Emotion, die wichtig ist, sondern die filmische Analyse die dahintersteckt. Ich würde sagen, dass es zwei verschiedene Arten gibt, Filme zu beschreiben: einmal eine globale Sichtweise, aus der Vogelperspektive (einen Film analysieren und seine Bedeutung für das Produktionsland darzustellen). Und dann die sogenannte Stricktheorie, bei der man eine Sequenz herauspickt und die grundlegend für die Ästhetik des Films ist.

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